Dienstag, 13. Januar 2015

REZENSION: Der Fall Scholl

Da ich mich sehr darauf gefreut hatte, zu meinem Geburtstag in die Therme nach Ludwigsfelde zu fahren, drückte mir mein Ex-Schwie-Pa ein Buch in die Hand, mit den Worten: "Weißt Du überhaupt, wessen Idee diese Therme war? Die des Ex-Bürgermeisters von Ludwigsfelde, Heinrich Scholl. Der hat vielleicht seine Frau umgebracht."


Titel: Der Fall Scholl: Das tödliche Ende einer Ehe  
Autorin: Anja Reich
Seiten: 288
Verlag: Ullstein

Kurzinhalt:

Kurz vor Silvester 2011, einen Tag nach dem 47. Hochzeitstag, verschwand die Frau des Ex-Bürgermeisters von Ludwigsfelde mit ihrem Hund. Einen Tag später finden Sohn und Vater die Leichen.
Kurz nach nach der Beerdigung, die Frau Scholl bereits VOR ihrem Tod organisiert hat, wird Scholl verhaftet: Verdacht auf Mord.

Die Autorin Anja Reich hat den Prozess verfolgt und mit vielen Menschen über die Geschehnisse gesprochen.


Meine Meinung:

Die spannendsten Geschichten schreibt das Leben selbst und in diese Geschichte bin ich regelrecht hineingesogen worden und habe sie innerhalb weniger Stunden ausgelesen. Sie ist hervorragend recherchiert und wirklich gut zu lesen.

Anja Scholl beginnt mit dem Verschwinden der Frau, Brigitte Scholl, und dem Auffinden der Leichen sowie der Verhaftung und blendet dann 50 Jahre zurück. In eine Zeit, in der beide Eheleute noch miteinander zu Schule gingen.

Sie zeichnet die Entwicklung der beiden nach, wobei vor allem der rasante Aufstieg von Heinrich Scholl bemerkenswert ist, der immer wieder an Punkte in seinem Leben kam, in denen er sich beruflich komplett neu orientiert hat, was auch dem komplizierten wirtschaftlichen System in der DDR geschuldet war.

Bis er nach der Wende zum ersten sozialdemokratischen Bürgermeister in Ludwigsfelde wurde. Und dies auch bis zu seiner Rente blieb.

Dort hat er unglaublich viel auf die Beine gestellt, wie u.a. auch besagte Therme. Umso erstaunlicher, dass er sich zuhause nicht gegen seine Frau hat durchsetzen können. Sie erscheint als dominante, unterkühlte und sehr anspruchsvolle Persönlichkeit, der er im Prinzip nichts Recht machen konnte.

Dennoch waren sie fast 50 Jahre verheiratet. Und dann aufeinmal ein Mord?

Scholl wurde 2013 zu lebenslanger Haft verurteilt, 2014 ist dieses Urteil noch einmal bestätigt worden. Dennoch gibt es keine wirklichen Beweise, nur Indizien und Menschen, die mal auf der Seite des einen Ehepartners stehen, mal auf der Seite des anderen.

Reich überlässt es dem Leser, sich eine eigene Meinung zu bilden, was kaum möglich scheint. Vielmehr staunt man, dass der Richter aus den spärlichen "Beweisen" ein lebenslängliches Urteil ableiten konnte.

Was bleibt, ist das dumpfe Gefühl, dass zwei Menschen hier ein ganzes Leben miteinander verbracht haben, ohne sich scheinbar wirklich zu kennen. Oder wirkliches Interesse an den Gefühlen und Gedanken des anderen zu haben. Und dennoch geblieben sind.

Wenn Reich die beiden beschreibt, dann oft in Kapiteln, die nebeneinander exisitieren - wie die beiden Menschen offenbar auch.

Fazit:

Spannende Milieustudie, sehr gut recherchiert, ohne jegliche Parteinahme.


Kommentare:

  1. Von dem Fall hatte ich schon mal gehört, ich wusste aber nicht wie der Prozess am Ende ausgegangen ist. Was deine Bemerkungen zur Ehe der beiden angeht, so denke ich, dass es eine Menge Menschen gibt, die mit jemandem verheiratet sind, den sie nicht so gut kennen. Manchen scheint es zu reichen, dass sie nicht alleine sind, dass da jemand ist, wenn sie abends nach Hause kommen.

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  2. @ Winterkatze

    Ich habe das auch so "nebenbei" verfolgt, umso interessanter war es jetzt, tiefer in die Geschichte einzutauchen. Trotzdem bleibt für mich die Frage, ob jemand nach 50 Jahren (!) "nebeneinander" wirklich noch so ausflippen kann, dass er/sie den anderen tötet?

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  3. Ich weiß es nicht. Manchmal ist man ja so aneinander gewöhnt, dass einen nichts erschüttern kann, dann wieder ist es gerade die Häufung der kleinen Ärgernisse, die einen nach vielen Jahren auf einmal ausflippen lässt. Wirklich beantworten können das wohl nur die Beteiligten.

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