Mittwoch, 7. Oktober 2015

REZENSION: Voll streng, Frau Freitag (Hörbuch)



Die Bücher von Frau Freitag, einer Gesamtschullehrerin aus Berlin, habe ich schon vor 3 Jahren gelesen und hatte sie in guter Erinnerung.
Irgendwie kamen sie mir jetzt auch wieder in den Sinn, als "Fuck you, Göthe - Teil 2" anlief, immerhin geht es hier um "echte" Schüler, auch wenn die sich von den bekloppten Film-Schülern erschreckenderweise nicht allzuoft unterscheiden.

Daher nahm ich das Hörbuch mit, als es mir jetzt in die Hände fiel.

Titel: Voll streng, Frau Freitag: Neues aus dem Schulalltag: 3 CDs  
Autorin: Frau Freitag
Länge: 3 CDs, 225min.
Sprecherin: Carolin Kebekus




Kurzinhalt:

 "Hat sich eigentlich schon jemand von euch irgendwo beworben?" Stille. 
Dann eine gezielte Frage: "Elif, was willst du denn werden?"
"Beim Arzt."
"Gut, und warum hast du noch keine Bewerbung abgeschickt?" 
"Wer nimmt denn mit Kopftuch, Frau Freitag?" 
"Na, vielleicht ein türkischer oder arabischer Arzt." 
"Abooo, bei türkischer Arzt, wissen Sie, was da immer los ist? Da kommen immer soooviele Leute." 

Außer Frau Freitag macht sich keiner Sorgen um die Zukunft. Ihre Klasse ist jetzt in derZehnten, aber noch lange nicht fertig mit dem Schulalltag.
 
"Voll streng, Frau Freitag" ist das 2. Buch einer Gesamtschullehrerin (inzwischen geoutet: aus Berlin), die aus ihrem Schulalltag berichtet.
Ihre Schüler sind inzwischen in der 10. Klasse und müssten sich eigentlich um ihre Bewerbungen kümmern. Eigentlich....
Zum Glück entdeckt Frau Freitag ein neues Mittel, um mit ihren Schülern zu kommunizieren: Facebook.


Meine Meinung:

Spannend, ein Hörbuch zu hören, das man schon vor Jahren als Buch gelesen hat. Man erinnert sich, erlebt es aber zum Teil auch nochmal völlig neu. Und das lag vor allem an der großartigen Lesung von Carolin Kebekus, die die Schüler mit Migrationshintergrund derart lebensecht verkörpert, dass man oft vergisst, dass es sich hier um eine Lesung handelt.

Auf die Art habe ich das Buch nochmal ganz anders erlebt.

Im Vergleich zum ersten Band Chill mal, Frau Freitag: Aus dem Alltag einer unerschrockenen Lehrerin fand ich dieses Buch insgesamt runder, da nicht nur mehr oder weniger unzusammenhängende Anekdoten aneinandergereiht wurden, sondern diese nun eine chronologische Reihenfolge haben: eben vom Beginn der 10. Klasse an bis zum Ende.
Immer unter dem Damoklesschwert: Habt Ihr Euch schon beworben?

Wie immer konnte ich beim Lesen die Liebe und die Leidenschaft, die diese Lehrerin ihren Schülern entgegenbringt, nur bewundern.
Vielleicht kann auch nur jemand, der selbst in diesem Beruf arbeitet, ermessen, was es wirklich bedeutet, permanent dasselbe sagen zu müssen, permanent mit Zuspätkommern zu tun zu haben, mit den Beleidigungen, dem Lärm - vom alltäglichen Desinteresse der Schüler mal ganz abgesehen.

In gewisser Weise finde ich es insofern schade, dass Frau Freitag das Buch nicht nutzt, um dies stärker zu verdeutlichen. Allein die Tatsache, dass sie abends noch vor Facebook sitzt, um ihre Schüler an irgendwas zu erinnern, klingt bei ihr eher nach einer lockeren Freizeitbeschäftigung als tatsächlicher Arbeit.
Insofern besteht eher die Gefahr, dass sie das Klischee vom "faulen Lehrer" noch ungewollt unterstreicht, wenn sie mal wieder betont, wie schlecht vorbereitet sie im Unterricht steht.

Nur manchmal blitzt ein wenig von dem durch, was diesen Beruf wirklich ausmacht: etwa die fehlende Anerkennung, die auch sie erfährt, nachdem sie sich das jahrelang für ihre Schüler aufgerieben hat. Auch dass neue Kollegen am nächsten Tag schon wieder das Handtuch geworfen haben, lässt durchblitzen, was Lehrer an solchen Schulen Tag für Tag über sich ergehen lassen müssen.

Es ehrt sie, dass sie zugibt, dass ihr ihren Schülern gegenüber schonmal Dinge rausrutschen, die ihr hinterher leid tun (was sie den Betreffenden auch sagt). Auch hier lässt sich der unglaubliche Stress nur erahnen, unter dem diese Frau eigentlich steht.

Umso bewundernswerter finde ich all die liebevollen Beschreibungen ihrer Schüler, die sie zwar oft "nervig" findet, aber vor allem sehr mag. Nur so kann man in diesem Job überleben.


Fazit:

Für mich ein guter Beitrag, um den alltäglichen Wahnsinn des Lehrerberufs ein wenig besser zu begreifen.
Empfehlenswert besonders für alle, die gerade auf dem Weg zum Elternabend sind und sich mal wieder so richtig mit dem Lehrer anlegen wollen.


Kommentare:

  1. Ich habe "Chill mal, Frau Freitag" gelesen und mich köstlich amüsiert, wurde beim Lesen aber auch darin bestätigt, dass ich als Lehrerin ganz und gar ungeeignet wäre. *g*
    Mal sehen, ob ich das 2. Buch auch mal lese, wenn du es sogar besser fandest als das 1.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Es gibt mittlerweile sogar ein drittes. Momentan höre ich aber den Krimi, den Frau Freitag und Fräulein Krise zusammen geschrieben haben: Der Altmann ist tot.
      Spielt natürlich auch in der Schule. :o))

      Löschen