Sonntag, 24. Januar 2016

REZENSION: Und auf einmal ist es Liebe



Titel:           Und auf einmal ist es Liebe  
Autorin:      Karin Kallmaker
Seiten:        392
Verlag:        Krug & Schadenberg


Kurzinhalt (Verlagstext):
Bei einer Fahrt mit der Achterbahn sitzen sie zufällig nebeneinander: Laura Izmani und Helen Baynor. Auf dem höchsten Punkt bleibt die Achterbahn plötzlich stehen. Eine technische Panne. Die Zeit zieht sich. Panik steigt in Helen auf - sie leidet an Höhenangst. Laura versucht Helen abzulenken, fragt sie nach ihren Karriereplänen, ihren Zukunftsträumen. Und erzählt von ihren eigenen. Nach dieser Begegnung schlagen beide Frauen neue Wege ein. Laura wird eine erfolgreiche Gourmetköchin, Helen jongliert Kinder und Karriere und brilliert als Schauspielerin am Broadway. Zwanzig Jahre später begegnen sie einander wieder. Und Laura ist erneut von Helen fasziniert.

Meine Meinung:
Längere Zeit war es ruhig auf dem deutschen Buchmarkt um Karin Kallmaker, mit der ich einst meinen Einstieg in die lesbische Literatur fand.
Monochrome Cover mit einem kleinen, fast verschämt wirkenden schwarz-weißen Bild eines lesbischen Paares aus dem Hause Krug & Schadenberg zierten fortan meinen Nachttisch und führten mich ein in die lesbische, leider allzu oft sehr amerikanische Liebe.

Der neue Kallmaker ist nicht nur optisch ein wahrer Neuanfang. Die komplett genutzte Coverseite wirkt wie ein Augenöffner und das nicht nur aufgrund der motorisierten Dame, die einem heimeligen Sonnenuntergang entgegenfährt. Die Farben sind liebevoll gewählt.
Doch wo ist die Beifahrerin, der man denselben Anblick gönnen möchte?

Eine Frau, die in einem Kallmaker-Roman diesmal allein unterwegs ist? Oder ist sie möglicherweise auf der Flucht?
Man möchte sofort einsteigen. In diese Geschichte.

Auch inhaltlich hat sich einiges bei der Autorin getan. Vorbei die Zeiten, da frau die Hauptfiguren am liebsten seitenweise schütteln wollte, um sie endlich in die Arme der bereits auf Seite 1 Vorherbestimmten zu schubsen. Zu künstlich wirkten oft die geschaffenen, vermeintlichen Probleme und der Abstand zwischen den Figuren, der eigentlich keiner war.

Auch diesmal beginnt die Geschichte zwar mit einem ziemlichen Stillstand. Doch dieser ist eher technisch bedingt.

Auf einer Achterbahn bleiben Helen und Laura als junge Frauen zusammen in schwindelnder Höhe stecken und beginnen miteinander zu reden, um sich zu beruhigen. In solchen Situationen sagt man wahrscheinlich eher Dinge, die man normalerweise bei einem ersten Kennenlernen verschwiegen hätte. Doch so tauschen sie sich aus über ihre Wünsche, Ängste, Pläne. Bis die Achterbahn wieder anfährt.

Kallmaker erspart der Leserin dankbarerweise diesmal das „Auf-dem-Boden-Ankommen“, das möglicherweise Verschämt-in-die-Augen-Schauen, das ganze DANACH - und schubst die Figuren mittels eines 20jährigen Zeitsprungs in neue Realitäten.

Diesmal sitzen sie nicht nebeneinander, sondern sich gegenüber. Sind Arbeitgeberin und Bewerberin. Und nur eine weiß noch, wer die andere ist. Und das soll auch so bleiben. Doch sind sie tatsächlich noch dieselben?

Tatsächlich haben sie die Achterbahn längst hinter sich gelassen und auch die Leserin weiß nicht, was sie nun erwartet. Von Liebe ist jedenfalls (noch lange) keine Rede, auch wenn der Titel dies vielleicht vermuten lässt.

Im Gegenteil, schließlich ist Helen Hetera, Mutter von Zwillingen und mittlerweile erfolgreicher Broadwaystar. Laura bewirbt sich als Köchin bei ihr, nachdem sie jahrelang erfolgreich in Großküchen gearbeitet hat.
Doch ihr ist nach Veränderung und diese findet sie auch in dieser wunderbaren, etwas anderen Familie.

Mit ihren Kochkünsten kocht sich Laura nicht nur sofort in die Herzen der beiden Pubertierenden, sondern auch in die der Leserin.
Während Helen karrierebedingt viel unterwegs ist. Und Laura sich in Suzy verliebt.

Damit hatte Karin Kallmaker mich auf ihrer Seite. Denn die Protagonistinnen treiben aufgrund eines verbindenden Ereignisses in ihrer Vergangenheit nicht automatisch aufeinander zu, sondern gehen ihre eigenen Wege. Das Cover hatte nicht zuviel versprochen. Das gefällt und verblüfft.

Die Protagonistinnen wirken dadurch sehr viel realistischer, tiefgründiger als in Kallmakers vorhergehenden Romanen, nichts ist vorhersehbar, immer wieder kommt es zu überraschenden Wendungen.
Und zu wohl einer der schönsten Liebesszenen in der lesbischen Literatur in letzter Zeit.

Fazit:
Ich war warm umhüllt und hätte mir während des Lesevergnügens nur noch olfaktorische Begleitung gewünscht, aber soweit ist der Buchmarkt leider noch nicht. All die leckeren Sachen, die dort gekocht wurden, gaben den Figuren (und damit auch Leserinnen) genug Zeit und Raum zum Zusammensitzen, wirklichen Kennenlernen und Wohlfühlen.

Der neue Kallmaker hat es auch bei mir bewirkt: „Auf einmal ist es Liebe“.


Bisher habe ich von Karin Kallmaker schon rezensiert (obwohl ich ALLES von ihr gelesen habe ;):

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