Montag, 22. November 2010

REZENSION: Die Legende von Sigurd und Gudrun

Autor:   J.R.R. Tolkien
Seiten:   560
Verlag:   Klett Cotta



Hervor kam Fáfnir
Feuer schnaubend,
den Berg hinunter
blies er giftigen Dunst.


Kurzinhalt:

Die mittelhochdeutsche Nibelungensage ist sicher bekannt: Siegfried, der Drachentöter, möchte die Königstochter von Worms, Kriemhild, heiraten. Dafür soll er jedoch zunächst die Hand Brünhilds für Kriemhilds Bruder Gunther gewinnen. Die wehrhafte Brünhild verliebt sich jedoch in Siegfried und muss erst von diesem besiegt werden, um ihm widerwillig nach Worms zu folgen.

All diese Figuren finden sich der von Tolkien aufgegriffenen nordischen Variante wieder: der Drache Fafnir, der titelgebende Sigurd (der aus der Nibelungensage bekannte Siegfried), Gudrun (Kriemhild) und Brynhild (Brünhild) sowie Högni ((Hagen von Tronje).
Aber auch andere Figuren erhalten zusätzliches Gewicht, wie etwa die die Mutter Gudruns.

Vorangestellt sind der Geschichte Elemente der nordischen Völsunga Sage, in der es um die Vorgeschichte Sigurds geht, seinen Vater und seine Schwester.

Tolkien hat die Stoffe zusammengefügt, leicht modernisiert und ergänzt - Abenteuer, Verrat, Stolz, Gewalt und Mord bleiben jedoch im Mittelpunkt.

Meine Meinung:

Bei dem Buch handelt es sich um eine Veröffentlichung von Dokumenten, die Tolkiens Sohn Christopher nach dessen Tod in seinem Nachlass fand. Nicht jeder weiß vielleicht, dass Tolkien nicht nur der Vater von Mittelerde, sondern vor allem auch Professor für alte Sprachen war und sich in diesem Zusammenhang mit Sagen aus der frühen Überlieferungszeit der Menschheit beschäftigt hat.

Viele Motive der alten Zeit finden sich in seinen eigenen Werken später wieder.

Sofort nach dem Aufschlagen dieses Buches wird klar, dass es sich hierbei jedoch nicht einfach um einen „weiteren Tolkien“ handelt. Hier trifft die nordische Heldensage einen Professor für alte Sprachen mit großer Fabulierkunst.

Der Leser findet also keine abgeschlossene Welt vor, sondern einen fragmentarisch überlieferten Stoff, den Tolkien nicht nur neu übersetzt hat (in dem Fall findet sich auf der linken Seite des Buches die englische Variante), sondern auch bemüht war, die vorhandenen Lücken der Geschichte mit der ihn auszeichnenden Phantasie zu schließen und der damaligen Sprache anzupassen.

Es ist als Verdienst des deutschen Übersetzers Hans-Ulrich Möhring anzusehen, dass auch die rechte Seite des Buches voller Sprachgewalt und Bilder steckt. Sensibel ist er mit dem Englisch Tolkiens umgegangen. Anspruchsvoll, wenn man bedenkt, dass ein Großteil des Buches in den für die damalige Zeit üblichen Versen gehalten ist, wie man es etwa aus dem Original-Nibelungenlied kennt.

Es bleibt dem Leser überlassen, welche Sprache er bevorzugt. Tatsächlich kann man sich in beiden Sprachvarianten, die so voller Poesie sind, verlieren.

Auch wenn es zum Teil wirklich anstrengend ist, sich längere Zeit auf dieses Werk einzulassen, wenn man neben der Fabulierkunst auch die aufwendig gestaltete sprachliche Form nicht aus den Augen verlieren will.

Ein Werk, für das man sich viel Zeit nehmen sollte, um die darin enthaltene Melodie zu hören.

Abgerundet wird es durch ausführliche Erläuterungen zum Ursprung und der Veränderung der Sage im Laufe der Zeit sowie zum literarischen Beitrag Tolkiens in diesem Kontext, welcher einen zusätzlichen Einblick in den Umgang mit den alten Texten gewähren und damit in die Arbeit des Mediävisten. Zudem wird deutlich, welche Faszination die alten Stoffe auf Tolkien ausübten, aus denen er letztlich die Inspiration für seine eigenen Werke zog.

Es steht jedoch zur Debatte, ob diese weitläufigen Erklärungen, die einen großen Raum in dem Buch einnehmen, wirklich für jeden Leser so geeignet und interessant sind.

Fazit:

Ein anderer Tolkien, aber deswegen nicht weniger lohnenswert. Für Interessierte an nordischen Heldensagen, die sich auch für den historischen Hintergrund der Stoffe interessieren, eine absolute Leseempfehlung.
Für alle anderen durchaus eine Herausforderung, jedoch ein lohnenswerter Ausflug in die Mediävistik.

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