Mittwoch, 9. März 2011

REZENSION: Schattenblüte

Autor:    Nora Melling
Seiten:   349
Verlag:   rowohlt polaris



Kurzinhalt:

Mit dem Krebstod ihres Bruders Fabian hat sich für Luisa schlagartig alles geändert: Ihre Eltern ziehen mit ihr nach Berlin, versinken in ihrer eigenen Trauer, während Luisa eigentlich nur noch sterben möchte.

An ihrem Geburtstag steigt sie dafür auf einen Turm und wird im letzten Moment von einem mysteriösen Jungen gerettet: Thursen.
Er nimmt ihr das Versprechen ab, am Leben zu bleiben, doch schon bald erfährt Luisa, dass Thursen und seine Freunde, die versteckt im Wald leben, ihren eigenen Weg gefunden haben, dem Leben aus dem Weg zu gehen. Sie können sich in Wölfe verwandeln und verlieren mit jeder Verwandlung ein Stück mehr von sich selbst.



Meine Meinung:

Zunächst eine Warnung: Wer ein reines Fantasy-Buch erwartet, wird enttäuscht werden. Dieses Buch ist mehr. Es ist anderes. Es ist vor allem sehr traurig. Aber auch wunderschön. Und allein deswegen lohnt es sich, es zu lesen.

Wortgewaltig beschreibt Nora Melling den Schmerz Luisas seit dem Tod ihrer Bruders und ruft damit ungeheure Bilder im Kopf hervor.

„Nur über mir glaube ich das leichte Pat-Pat des Gehstocks der alten Frau zu hören, die sich mühsam in die Küche schiebt. Bestimmt hat sie Hunger. Ich habe keinen. Versuche meinen Hunger herunterzuschlucken, damit meinen leeren Magen zu füllen. Er wehrt sich grollend.“ (S. 83)

Das Schweigen von Luisas Eltern, die ihren eigen Weg suchen, den Verlust des Sohnes zu verarbeiten, macht Luisas Sehnsucht nach jemand, der sich für sie interessiert, verständlich.

Dass sie Thursen nach ihrer ersten Begegnung sucht und letztlich findet, hätte in jedem anderen Zusammenhang kitschig gewirkt, in diesem Kontext wird er jedoch zum verständlichen Anker, den jeder Mensch irgendwann einmal braucht.
Doch Thursen ist nicht nur Anker. Er ist auch ein wieteres Beispiel dafür, wie man Schmerz verarbeiten kann.

Dieses Buch enthält damit vor allem die wichtige Frage, was Trauer für unser Menschsein bedeutet, wie sie uns formt. Es zeigt, wie unterschiedlich Menschen mit Trauer umgehen. Während der eine durchgeht, stärker wird, versucht der andere zu vergessen und gibt sich damit im Prinzip selbst auf.

Dass zum Menschsein auch Schmerz gehört, wird letztlich deutlich, sobald man als Leser versteht, welchen Weg die Wölfe gewählt haben und welchen Preis sie dafür zahlen.

Die Grundidee Nora Mellings ist damit eine höchstphilosophische und nimmt jeden, der selbst schon einmal tiefen Schmerz erlebt hat, wohl ziemlich mit.
Ich für meinen Teil musste das Buch jedenfalls häufiger mal aus der Hand legen, weil ich nicht weiterlesen konnte. In anderen Rezensionen beklagten einige LeserInnen, das Buch mache sie depressiv.

Aber macht dies letztlich nicht ein gutes Buch aus, wenn man so stark mitempfindet?

Dazu das allgegenwärtige Präsens der Erzählsprache, das dem Leser Luisas Gefühle nur noch näher bringt, für den Augenblick durchleben lässt.

Das Buch war mir auch insofern nah, da es in meiner Heimatstadt Berlin spielt, die beschriebenen Orte wirklich existieren, ich sie kenne.


Fazit:

Bildgewaltiges, trauriges Buch über die Schattenseiten des Lebens – und die Blüten, die daraus möglicherweise erwachsen können.


Kommentare:

  1. Ich glaube, "Schattenblüte" ist wirklich eins dieser Bücher, das die Leser entweder lieben oder hassen. Ich hab jedenfalls noch keine mittelmäßige Rezension dazu gelesen, sondern nur begeisterte oder richtig schlechte.

    Ich persönlich fands ja total nervig (wie du vielleicht weißt), aber ich kann schon einigermaßen verstehen, warum Leute es mögen. :)

    AntwortenLöschen
  2. Ja, seltsam, irgendwie ein Buch, was tatsächlich polarisiert. Ich glaube, das hängt auch damit zusammen, was man selbst schon erlebt hat in seinem Leben, inwiefern man manche Dinge nachfühlen kann - oder eben nicht.

    LG,
    JED

    AntwortenLöschen
  3. verfolge dich jetzt, schau dcoh mal bei mir vorbei wenn du Lust hast. LG, Sandrina

    AntwortenLöschen
  4. JED: Ich glaub ja, dass bei diesem Buch vor allem die Sprache, die Metaphern und die dadurch erzeugte Stimmung die Leserschaft so spalten. Ich hätte hundert Beispiele anführen können, die ich lächerlich fand – die andere aber wahrscheinlich geliebt haben! :)

    AntwortenLöschen
  5. Hallo JED!
    "Schattenblüte" wurde mir schon oft wärmstens empfohlen und steht ganz oben auf meiner Wunschliste.

    Und nach meinem Bücherfasten werde ich es mir sicher zulegen. :)

    Liebe Grüße, Sabine

    AntwortenLöschen