Freitag, 1. Oktober 2021

Interview mit Katja Demming

Nachdem ich Euch am Mittwoch das Buch von Katja Demming "Raus aus der narzisstischen Beziehung" vorgestellt habe, möchte ich Euch gern die unglaublich engagierte Autorin noch ein wenig näher bringen. 

Denn Katja Demming hat sich dem Thema "Narzissmus" komplett verschrieben und nicht nur dieses Buches veröffentlicht. Sie macht auch Podcasts zum Thema, coacht Menschen, leitet eine eigene Facebookgruppe mit mehreren tausend Mitgliedern und ist zudem psychologische Beraterin und Mentorin für innere Stärke.

Ich freue mich sehr, dass sie sich trotz ihrer vielfältigen Tätigkeiten die Zeit genommen hat, mir ein paar Fragen zu ihrem Buch zu beantworten:


1. Frau Demming, das Thema "Narzissmus" scheint gerade überall aufzupoppen: im Netz, auf dem Buchmarkt, bei Freunden, selbst in meinem beruflichen Umfeld. Wird der Begriff neuerdings inflationär gebraucht oder gibt es tatsächlich gefühlt mehr Narzissten?
K.D.: Nein, ich glaube nicht, dass Narzissmus gerade inflationär aufpoppt, weil es zunehmend mehr Narzissten gibt. Meiner Meinung erkennen wir nur mehr Narzissten, weil mehr Bewusstsein zu dem Thema in die Welt gebracht wird. Ich glaube Narzissmus gab es schon immer, nur war es nicht so bekannt. Dieses nun an die Öffentlichkeit zu bringen, führt zu mehr Bewusstsein und weckt das Interesse der Menschen mehr Wissen darüber zu erlangen.
Narzissmus kann zerstörerisch sein und krank machen. Deshalb ist es gut, wenn man Strategien an die Hand bekommt und das nötige Wissen, wie man sich Narzissten gegenüber am besten verhält. Somit ist Aufklärung ein super wichtiges Thema und ich bin froh, dass es immer mehr in den Medienmittelpunkt rückt.

 
2. Wenn man sich auf dem Buchmarkt so umsieht, gelangt man zu dem Eindruck, dass in letzter Zeit auch die Bücher zum Thema "Narzissmus" wie Pilze aus dem Boden schießen. Auf diesem Blog habe ich selbst schon einige besprochen (z.B. Kaltes Herz + Liebe kälter als der Tod). Kann man überhaupt noch etwas Neues zu dem Thema scheiben?
K.D.: Die Sorge verstehe ich gut. Ich kann nur so viel sagen, dass das Thema trotz allem noch so “jung” ist, dass selbst ich, obwohl ich mich nun bereits seit 10 Jahren intensiv damit beschäftige, noch dazu lerne. Ich glaub es gibt immer wieder neue Erkenntnisse. Dadurch, dass das Thema gerade sehr gefragt ist, machen sich immer mehr Forscher und Psychologen auf die Suche nach Wahrheiten und Ursachen für diese Persönlichkeitsstörung. Erkenntnisse, die in den Achtzigern aufgestellt wurden, sind heute teilweise schon widerrufen worden und überholt. Die ständige Prüfung auf Richtigkeit und das weitere Befassen mit der Thematik, wird sicher noch lange viele neue Erkenntnisse an den Tag bringen.

 
3. Warum sollte man gerade Ihr Buch lesen? Was macht es besonders?
 

K.D.: Ihre Aussage stimmt. Es gibt bereits sehr viele Bücher zum Thema Narzissmus. Was mir bei allen Büchern bisher jedoch gefehlt hat, ist eine dezidierte Anleitung, wie man aus einer toxischen Beziehung aussteigen kann. In meinem Buch wird nach dem ersten Wissens- und Aufklärungsteil im zweiten Teil eine Schritt-für-Schritt-Anleitung gegeben. Ich erkläre wie man sich auf die Trennung vorbereitet, was man selbst beachten sollte, was der Partner machen könnte und wie man darauf reagieren sollte. Außerdem zeigt es auf, wie man sich selber wieder lieben und wertschätzen lernt und an innerer Kraft gewinnt. Vergebungsarbeit und Ausrichtung auf ein freies und selbstbestimmtes Leben wird ebenfalls mit dem Leser erarbeitet. Hierbei helfen die vielen selbstreflektierenden Fragen. Um das Unterbewusstsein mitzunehmen bekommt der Leser*in zu jedem einzelnen Modul noch eine passende Meditation. Ich denke das gibt es in anderen Büchern bisher noch nicht.

 
4. Positiv ist mir bei Ihrem Buch die sehr klare Zweiteilung aufgefallen ((a) Warum gerade ich? und (b) Was kann ich tun?). Wenn es so "einfach" ist, warum fällt es vielen Menschen so schwer, Ihren narzisstischen Partner zu verlassen, der ihnen ja offenbar nicht guttut?

K.D.: Nein, so einfach ist es nicht. Diese Zweiteilung soll bewusst machen, warum man Narzissten
attraktiv findet und wie man sie wieder verlassen kann. Dennoch tragen viele verschiedene Faktoren dazu bei, dass eine Trennung sehr schwierig ist. Zum einen wegen der ständigen Schwächung und Abwertung durch den toxischen Partner, trauen sich die Betroffenen gar nichts mehr alleine zu. Hinzu kommt die emotionale Abhängigkeit, die wie eine Sucht physische Veränderung im Körper nährt. Auch nach der Trennung braucht der Körper viel Zeit, um diese falsche hormonelle Ausschüttung wieder normal zu regulieren. Oftmals ist den Betroffenen nicht klar, dass sie diesen Kreislauf auch nach einer vollzogenen Trennung in ihrem Inneren unbewusst weiterführen. Indem sie Stresshormone ausschütten, zum Beispiel weil sie stalken, immer wieder über die Vergangenheit reden und einfach nicht loslassen können. Sollte eine traumatische Belastungsstörung vorliegen, ist professionelle Hilfe mittels eines Traumatherapeuten unbedingt indiziert.

 
5. Trennungen von Narzissten sind extrem schwer und oft von zahlreichen "Ehrenrunden" und Wiederholungsschleifen geprägt, die für die Betroffenen oft sehr beschämend sind und auf viel Unverständnis ihrer Umwelt stoßen. Wie schafft man es aus diesem buchstäblichen Teufelskreis?
K.D.: Zunächst sollte ein jeder verstehen, dass er sich nicht schämen muss. Wer in einer toxischen Beziehung war, weiß wie subtil manipulierend man behandelt wird. Deshalb ist es gut, dass man sich mit Gleichgesinnten austauscht und merkt, dass man nicht alleine damit ist. Oder der einzige schwache Mensch ist, der immer wieder zurückgeht. Wenn man sich trennt, entsteht eine unendliche Lehre, weil man sich jede Minute um seinen Narzissten gekümmert hat und darüber den Zugang zu seinen eigenen Bedürfnissen verloren hat. Wenn dieses Sorgen für das Wohl des anderen wegfällt, fühlt man sich oftmals, leer, ungeliebt und nicht gebraucht. Des Weiteren tritt dieses Gefühl hinzu nicht gut genug gewesen zu sein, was eine große Wunde in vielen von uns bereits seit der Kindheit ist. Nach der Trennung wünscht man sich so sehr, dass derjenige, der einen immer abgewertet hat und dieses Wunden gerissen hat, auch wieder erhöht. So hofft man auf Liebe, Rückkehr und Anerkennung. Bei meinen Klienten fällt mir immer wieder auf, dass sie ihr Leben vom Partner abhängig machen und nicht von ihren Wünschen. Auch, wenn es ihnen schon lange schlecht geht, lassen sie den Partner entscheiden, ob er sie noch will oder nicht. Sie sind nicht in der Lage selbst für sich zu entscheiden es besser zu beenden.

 
6. Sie waren in der Vergangenheit selbst in narzisstischen Beziehungen. Sind diese immer
vergleichbar? Gibt es Gesetzmäßigkeiten?

K.D.: Die Handlungen von Narzissten gleichen sich interessanterweise stark. Menschen die meine Geschichte im Podcast hören haben oftmals das Gefühl ich hätte von ihnen gesprochen. Die unempathischen Handlungsweisen, Gaslighting, Abwertung, Silent Treatment, Ghosting, der
defizitäre Umgang mit Kritik und die Manipulation verlaufen häufig in den gleichen Mustern ab. Deshalb kommt es zur Wiederholung von ähnlichen Geschichten und Erfahrungen.

 
7. Nachdem Sie es geschafft haben, sich endgültig zu trennen, haben Sie sich dem Thema
"Narzissmus" regelrecht verschrieben. Sie moderieren eine eigene Gruppe auf Facebook, coachen verzweifelte Menschen, machen Podcasts und You-Tube-Videos zum Thema und geben Newsletter heraus. Warum investieren Sie so viel Energie darin?

K.D.: Ich selbst hätte mir damals jemanden gewünscht, der mir gesagt hätte, was in meinen Beziehungen alles falsch läuft und wie ich da am Leichtesten herauskomme. Ich habe so viele Fehler und schmerzvolle Erfahrungen machen müssen, die mir unfassbar viel Kraft gekostet
haben. Viel zu spät habe ich erfahren, dass ich an Narzissten geraten war. Mühsam kämpfte
ich mich durch Foren und Büchern um das alles zu verstehen. Deshalb habe ich beschlossen
Menschen, denen es heute ähnlich geht zu helfen, sie zu unterstützen und ihnen das zu geben, was ich damals gebraucht hätte. Ich bin der Überzeugung, dass ich meine Erfahrungen nicht umsonst gemacht habe, sondern vielleicht genau aus diesem Grund. So sehe ich in meinem jetzigen Beruf immer mehr meine Berufung.

 

8. Auf dem Cover des Buches zerschneidet eine Frau die Fäden eines Marionettenspielers. Sind eher Frauen Opfer von Narzissten? Und ist man wirklich eine Marionette oder kann man mit all dem Wissen über Narzissten nicht auch mit diesem leben lernen? 

K.D.: Statistisch gesehen gibt es wohl mehr Narzissten als Narzisstinnen. Aber die Anzahl der weiblichen Narzissten sollte man nicht unterschätzen. Ich glaube, dass Frauen sich trauen darüber zu reden. Definitiv kommen mehr Frauen in mein Coaching als Männer. Vielleicht ist es für den Mann auch zu scharmbehaftet- als starkes Geschlecht- von einer Frau zerstört worden zu sein. Darüber möchte er in der Öffentlichkeit lieber nicht reden. Ich könnte mir deshalb innerhalb der männlichen Opfer von Narzissten eine sehr große Dunkelziffer vorstellen. Da aber die Frauen häufiger Rat und Hilfe suchen, haben wir das Buch eher für die betroffenen Frauen geschrieben.
Zur zweiten Frage: Ich kenne niemanden, der mit einem Narzissten glücklich geworden ist. Entweder zahlt der eine drauf und wird krank oder beide Partner haben starke narzisstische Züge, sodass eine oberflächliche Beziehung gelebt wird, in jeder vom anderen profitiert und man sich gegenseitig ausnutzt. Ein anderes Modell kann ich mir nicht vorstellen.

 
9. Was raten Sie Frauen (und auch Männern), die entdecken, dass ihr Partner/ihre Partnerin ein Narzisst ist?
K.D.: Ehrlich? Die Füße in die Hand zu nehmen und zu rennen. Sich professionelle Unterstützung zu holen, damit man genügend Wissen hat um auszusteigen. Alleine ist eine Trennung fast nichtmöglich oder sehr langwierig und schmerzhaft. Danach sollte man sich überlegen, warum der Narzisst in ihr Leben getreten ist? Was konnten man daraus für sich lernen? Welche Themen hat man eventuell noch im Leben, die es gilt aufzuarbeiten. Warum fand man den Narzissten attraktiv? Was konnte man aus dieser toxischen Beziehung lernen? Ich glaube in vielen Partnerschaften ist das nicht umsonst passiert und es gab einen Grund etwas daraus zu lernen.

10. Und wenn man sich nicht trennen kann? Wenn man z.B. einen narzisstischen Chef hat?
K.D.: Auch hier würde ich empfehlen sich einen neuen Job/ Chef zu suchen. Auf Dauer macht er einen sonst kaputt. Sollte das aus irgendwelchen Gründen tatsächlich nicht möglich sein,
dann sollte man sich dem Chef gegenüber kurz und knapp halten, keine persönlichen
Informationen herausgeben, ihm sich niemals anvertrauen, versuchen ihn möglichst nicht zu
kritisieren und nicht mit ihm zu diskutieren. Eine hilfreiche Einstellung könnte hier sein, sich
zu überlegen, dass man ihn nicht ändern kann und ihn als Teil des Jobs zu sehen. Ebenso
keine persönlichen Beleidigungen an sich heranzulassen und sich jeden Morgen einen
starken „Fire-Wall-Mantel“ anzuziehen.

 

Frau Demming, ich bedanke mich recht herzlich bei Ihnen für dieses aufschlussreiche und interessante Interview.

Wer mehr von Katja Demming erfahren möchte, dem empfehle ich 

ihre Website: https://katjademming.com/ 

ihren wirklich interessanten Podcast "Endlich ich": https://katjademming.com/podcast/

sowie ihre Onlinekurse: https://katjademming.com/onlinekurs/

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