Donnerstag, 23. März 2017

REZENSION: Poesie und Gewalt - Das Leben der Gudrun Ensslin

Titel: Poesie und Gewalt - Das Leben der Gudrun Ensslin
Autorin: Ingeborg Gleichauf
Seiten: 350 Seiten
Verlag: Klett-Cotta 



Kurzinhalt (Verlagtext):

Gudrun Ensslin gehörte zur Führungsspitze der RAF und war zugleich weit mehr: eine literarisch hochgebildete Person. Umfassend beschreibt die Autorin Ensslins geistige wie politische Entwicklung und zeigt, wie aus dem intellektuellen Bürgertum des Nachkriegsdeutschlands gewaltbereite Radikalisierung möglich war.

Im Mittelpunkt dieser Biographie steht eine extreme Person und ihr extremer Lebensweg. Ingeborg Gleichauf räumt mit den gängigen Klischees und Vorurteilen auf, die Gudrun Ensslin als Produkt eines provinziellen Pastorenhaushalts sehen. Sichtbar wird vielmehr eine vielseitig begabte Persönlichkeit der Zeitgeschichte. Souverän schildert die Autorin die Zeitumstände, die die Entwicklung einer Gewaltbereitschaft begünstigt haben. Ensslins Lebensweg prägten nicht sie allein. Ihre intensive Schreibtätigkeit und die Literaturbegeisterung waren zentral für ihre Weltanschauung. Die Autorin zeichnet alle Lebensstationen nach und widmet sich ausführlich den bisher vernachlässigten Kindheits- und Jugendjahren Ensslins. Eindringlich schildert sie Ensslins Beziehungen. In einer besonderen Verbindung von Erzählung und Analyse gelingt es ihr, uns eine ebenso schwierige wie vielschichtige Person nahezubringen, die unsere Gesellschaft radikalverändern wollte.


Meine Meinung:

Viel ist schon über die RAF geschrieben worden und ihre bekanntesten Köpfe Baader, Ensslin, Meinhoff. Viel darüber nachgedacht worden, wie Menschen sich derart radikalisieren können, dass sie ihr komplettes vorheriges Leben hinter sich lassen und jahrelang eine Spur von Gewalt und Tod durch Deutschland zogen.

Dass ein Großteil des vermeintlichen Wissens der Biographen oft auf Hörensagen beruht, auf einer subjektiven Betrachtungsweise, die sich vor allem im Fall von Ensslin oft auf deren Herkunft aus einer "strengen Pastorenfamilie" beschränkte, dies weist die Ingeborg Gleichauf bereits eingangs in ihrem Buch überzeugend nach - und lehnt diesen Ansatz gleichzeitig ab.

Egal ob in Buch oder Film - die RAF-Führungsriege wurde stets unter der Folie des jeweiligen Verfassers betrachtet, der selbst beeinflusst war von seiner eigenen Herkunft, seinem Geschlecht oder einfach seiner Fantasie. Die oft angewendet werden musste, da die Quellenlage vor allem bezüglich des Vorlebens der Terroristen oft dünn ist.

Auch Gleichauf kann sich nur auf die vorhanden Quellen beschränken. Jedoch bezieht sie noch zusätzliche Dokumente mit ein, zu der auch die Literatur der Zeit gehört, die vor allem Ensslin in ihrem Studium definitiv gelesen hat.

Gleichauf hat diese Literatur mit einer unglaublichen Akribie gelesen, ohne jedoch in eine einseitige Interpretation zu verfallen, sondern in "Poesie und Gewalt" verschiedene Deutungsmöglichkeiten aufgezeigt, die jedem Leser es überlassen, sich selbst ein vielschichtiges Bild von Gudrun Ensslin zu machen.

Tatsächlich nähert sie sich der Figur Ensslin so auf sehr viel komplexerem Wege an. Schließlich handelte es sich hierbei um eine vor allem in der 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts literarisch interessierte und diese Leidenschaft auch im Studium und schließlich Dissertation verfolgende kluge Frau, deren Lebensweg an bestimmten Stellen durchaus eine andere Richtung hätte nehmen können.

Gleichauf liest, was Ensslin gelesen hat. Befasst sich mit der Literatur der Zeit, mit der Literatur aus Ensslins Schulzeit, ihres Studiums, der gewählten Seminare.
Dabei zitiert sie immer wieder für sie markante Stellen, wobei offen bleiben muss, ob auch Ensslin diese in gleicher Weise beeindruckt haben.

Hier muss die Autorin aufpassen nicht die selben Fehler zu begehen wie die Biographen vor ihr. Nicht jeden prägt jedes Buch gleichermaßen, nicht jeder bleibt am gleichen Satz als "besonderem" hängen. Es wird deutlich, dass die schmale Quellenlage auch die Autorin gelegentlich dazu verführt, bestimmte Annahmen vorwegzunehmen.

Dennoch hat man nie den Eindruck, dass ihr Deutungsmuster ein vorgefertigtes ist, vielmehr nimmt sie den Leser mit auf eine vielschichtige Reise durch all die Lebensstationen Ensslins von ihrer Geburt bis zu ihrem selbst gewählten Tod.

Gerade zum Schluss hin wird es aber auch für die Autorin immer schwerer, die oft wirren Zeugnisse aus dem Gefängnis angemessen zu verstehen und in Beziehung zu der von ihr in den Mittelpunkt gestellten Figur zu setzen.

Da, wo es von Ensslin keine Dokumente gibt, befragt sie Zeitzeugen oder historische Dokumente - aber stets unter dem Hinweis, dass dies nur unter der Folie der Subjektivität erfolgen kann. So zeigt sie auch immer wieder Widersprüche und Brüche auf, die jedem Menschen eigen sind.

Ein Herangehensweise, die überzeugt und besticht. Denn das Leben ist nicht immer geradelinig. Menschen ändern sich, abhängig von Begegnungen, Geschehnissen und ihrer eigenen Denkweise.


Fazit:

Es ist es ein unglaublich interessanter und sehr arbeitsintensiver Ansatz, sich Gudrun Ensslin auf diese Weise zu nähern, zumal bis zum Schluss klar ist, dass auch dieses Buch keine objektiven Wahrheiten beinhalten kann.
Dennoch hat er mir die Person Gudrun Ensslin noch einmal in ganz neuer Weise näher gebracht, die eben nicht nur "Gewalt", sondern auch "Poesie" verkörperte.


Kommentare:

  1. Das klingt interessant. Ich habe auch noch ein Buch über die RAF auf meinem Sachbuch-SuB, wandere aber immer daran vorbei, wenn ich auf der Suche nach neuer Lektüre bin. Dabei hätte ich wirklich gern mehr Wissen darüber, weil mir immer wieder bewusst wird, wie wenig ich weiß und wie sehr die RAF doch die Nachrichten in meiner Kindheit geprägt hat.

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    1. Vor allem ist mir durch dieses Buch über Gudrun Ensslin klar geworden, wie viele Bücher über die RAF doch eher im Reich der Phantasie angesiedelt sind, sprich, sich oft über die wenigen Quellen hinwegsetzen und im Prinzip Dinge dazu erfinden.
      Insofern ist dieses Buch ein toller Einstieg. Welches hast Du denn bei Dir?

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    2. Ähm ... "Rudi und Ulrike" von Jutta Ditfurth - ich kann nicht beurteilen, die Autorin das Thema behandelt, weil ich noch nicht reingelesen habe. Aber als ich vor einigen Jahren über das Buch gestolpert bin, fand ich, dass es für mich ein guter Anfang sein könnte.

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