Sonntag, 23. April 2017

REZENSION: Marthas Widerstand

Titel: Marthas Widerstand
Autorin: Kerry Drewery
Seiten: 426
Verlag: Bastei Lübbe



Kurzinhalt:

Martha ist des Mordes angeklagt und sitzt in der ersten von sieben Zellen. Sieben Tage lang stimmt das gesamte Volk darüber ab, ob sie freigesprochen oder in eine kleinere Zelle verlegt wird. Die siebte und letzte Zelle ist klaustrophobisch klein, und genauso klein sind Marthas Chancen auf einen Freispruch. Denn die Umfragen zeigen, dass der Großteil der Bevölkerung sie sterben sehen will -
Doch was wäre, wenn Martha genau darauf spekuliert. Um dem Volk zu zeigen, dass es nicht in einer perfekten Demokratie lebt, sondern von den Machthabern perfide manipuliert wird? Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt, bei dem viel mehr als ein einzelnes Menschenleben auf dem Spiel steht ...

Spannende Mischung aus Thriller und Dystopie rund um ein packendes Gedankenspiel: Was wäre, wenn nur noch über Fernsehvotings Recht gesprochen würde?



Meine Meinung:

Nach der Kurzbeschreibung des Buches war für mich sofort klar, dass ich es lesen muss.
Die Vorstellung über eine Veränderung des Rechtssystems, das dahin geht, dass das gesamte Volk über Leben und Tod bestimmen soll, wirkt jedoch nur auf den ersten Blick demokratisch.

Denn tatsächlich unterteilt sich "das Volk" in einen sehr armen Teil, der in den (Wolken)Kratzern wohnt, und einen reichen, der es sich überhaupt erst leisten kann, an der Abstimmung teilzunehmen, welche nur über Telefon- und Online-Voting mit entsprechenden Kosten erfolgen kann.

Die Meinungsbildung wird dabei durch eine TV-Sendung nicht nur gefördert, sondern vor allem auch perfide beeinflusst. Die tägliche Übertragung von "Death is justice" liest sich dabei wie eine Regieanweisung, bei der der Leser verfolgen kann, was jeder Moderator einzeln sagt (zu sagen hat?), wer wo steht, was der Zuschauer zu sehen bekommt. Und was eben nicht.

Dieser literarische Kniff wirkt erschreckend realistisch, zumal man automatisch an bereits heute existierende Formate erinnert wird.

Und man beginnt zu ahnen, dass die Manipulation von Fakten, die immer wieder kritisierten "Fake News" nicht nur erschreckend aktuell sind, sondern Menschen in den Untergang treiben können.

Denn die Autorin macht mehr als deutlich, dass letztlich der die Meinung beeinflusst, der ausreichend Geld zur Verfügung hat - und damit die Macht.
Wobei es unmöglich erscheint, in der vor ihr geschaffenen Gesellschaft dagegen anzugehen, die dieses System als "demokratisch" verkauft.

Die Menschen wollen nicht nachdenken, sondern in erster Linie unterhalten werden, auch auf Kosten unschuldiger Menschenleben unter dem Deckmantel der "Gerechtigkeit" und vermeintlichen "Sicherheit".

Ohnmächtig muss man mit ansehen, wie Martha mehr und mehr medial zum Monster gemacht wird, wobei kein wirkliches Interesse an Fakten zu bestehen scheint, während man ihren Weg von Zelle eins bis sieben lesend verfolgt und selbst die klaustrophobische Enge zunehmend nicht nur aufgrund der sich verkleinernden Räumlichkeiten verspürt.

Einzig der Titel "Marthas Widerstand" lässt den kleinen Funken Hoffnung, dass das Unvermeidliche noch abgewendet werden kann. Tatsächlich ist dadurch von Anfang an klar, dass Martha sich freiwillig in das Räderwerk dieses Rechtssystems begeben hat.
Fast bis zum Schluss bleibt jedoch die Frage offen, wie sich ein junges Mädchen aus den Kratzern in diesen perfiden Zellen allein gegen eine ganze, zum größten Teil offenbar blinde Gesellschaft vorgehen will.

Dies macht einen zusätzlichen Teil der Spannung des Buches aus. Zumal sie selbst irgendwann zu zweifeln beginnt, ob sie das richtige tut, je mehr ihre Kräfte sie verlassen.


Fazit:

Erschreckende Dystopie, die bereits an unserer heutigen Realität kratzt.

Nur wer wirklich hinsehen möchte, erkennt die kleinen Details, wobei es ein Verdienst der Autorin ist, dieses kleine "Ja, aber..." beim Leser zu erzeugen, obwohl er oft auch nicht mehr weiß, als die "Bevölkerung".




Kommentare:

  1. Guten Morgen,
    nun hast du meine Neugierde auf das Buch geweckt, das ich eigentlich zuerst in eine andere Schublade gesteckt habe. Bevor ich es aber auf meinen Wunschzettel setze...du sprichst das Ende an...ist es offen?? Ich mag nämlich keine offenen Enden.....
    Liebe Grüße
    Martina

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    1. @ Martina

      So wie ich das verstanden habe, wird es noch einen zweiten Teil der Geschichte geben. Das Ende ist auf jeden Fall so, dass genug Raum für eine Fortsetzung ist.

      LG

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